Der Dalton Highway
- 5. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Acht Tage durch Alaska, bevor die eigentliche Expedition überhaupt begonnen hatte
Von Tobias Renggli

Drei Tage bis zum ersten Kilometer
Als ich in Prudhoe Bay aus dem Auto stieg, war ich seit fast drei Tagen unterwegs. Rund 40 Stunden hatte die Reise von der Schweiz nach Anchorage gedauert, mit Zwischenstopps in Philadelphia und Seattle, danach nochmals ungefähr 25 Stunden im Auto bis ganz in den Norden Alaskas.
Je weiter wir fuhren, desto weniger blieb übrig. Zuerst verschwanden die Städte, dann die Häuser, später die Bäume. Am Ende gab es nur noch Tundra, die Pipeline und eine Strasse, die gebaut worden war, um die Ölfelder am Arktischen Ozean zu versorgen.
Ich hatte acht Monate lang an diesem Projekt gearbeitet, Sponsoren gesucht, Material organisiert, Vorträge gehalten, Karten angeschaut und nebenbei mein Studium abgeschlossen. Für das, was nun vor mir lag, hatte ich erstaunlich wenig trainiert. Trotzdem wollte ich von hier aus rund 1’200 Kilometer bis nach Talkeetna fahren, wo Heli und Laëtitia auf mich warteten und wir wenige Tage später zum Denali aufbrechen wollten.
Am ersten Tag kam ich erst am Nachmittag los. Die Strasse führte flach durch die Tundra, es war ungefähr minus 30 Grad, und der Wind schob den Schnee über den Asphalt. Die arktische Landschaft war etwas vom unglaublichsten was ich jemals gesehen habe. Und mit dem vollbeladenen Velo dort durchzuradeln fühlte sich an wie ein Traum.
Am Strassenrand sah ich 2 Polarwölfe. Nach 80 Kilometern hielt ich an. Die Reise, über die ich so lange gesprochen hatte, war plötzlich keine Idee mehr. Sie hatte angefangen.

Die Kälte lässt keine Pause zu
Die ersten Tage waren weniger romantisch, als die Bilder später aussahen. Bei minus 30 Grad wird Velofahren zu einer dauernden Temperaturkontrolle. Meine Beine produzierten genug Wärme, Hände, Füsse und Gesicht aber nicht. Sobald meine Zehen taub wurden, stieg ich ab und joggte ein paar hundert Meter neben dem Velo, bis ich sie wieder spürte. Danach fuhr ich weiter, bis das Spiel von vorne begann.
Lange Pausen machte ich kaum. Wer stehen bleibt, kühlt aus, und was feucht ist, friert. Essen, Kleidung wechseln, Kamera bedienen, selbst eine kleine Reparatur wird kompliziert, wenn man die Handschuhe möglichst nicht ausziehen will. Ich fuhr deshalb oft bis spät am Abend, manchmal bis gegen Mitternacht. Gleichzeitig ass ich zu wenig. Die Kälte dämpfte meinen Hunger, obwohl mein Körper deutlich mehr Energie brauchte als sonst.
Auch meine Beine waren schlechter vorbereitet, als ich mir eingestehen wollte. Ich hatte den ganzen Winter zum Trainieren gehabt und ihn fast vollständig mit Organisation verbracht. Nach vier Tagen fühlte sich jeder Anstieg an, als hätte ich bereits eine ganze Etappe hinter mir.
Meine Stimmung wechselte entsprechend schnell. In einem Moment war ich überzeugt, dass dies das Beste war, was ich je gemacht hatte. Kurz darauf stand ich am Strassenrand und fragte mich, ob meine Nasenspitze gerade erfriert. Leichte Kälteschäden bekam ich tatsächlich.
Das war nicht besonders beruhigend, weil der Dalton Highway eigentlich nur das Warmup für den Denali - den kältesten Berg der Welt - sein sollte.
Eine Strasse, die nicht für Velos gebaut wurde
Der Dalton Highway ist keine Panoramastrasse. Er existiert, damit Lastwagen Material zu den Ölfeldern in Prudhoe Bay bringen können. Neben ihm verläuft die Trans-Alaska-Pipeline, dazwischen liegen sehr grosse Distanzen ohne irgendetwas.
Die Trucks wirkten neben meinem Velo völlig überdimensioniert. Viele Fahrer sahen aus, als würden sie mit einem Velofahrer auf ihrer Strasse wenig anfangen können. Tatsächlich waren sie extrem freundlich.
Über Funk sprach sich schnell herum, dass ein Schweizer Richtung Süden unterwegs war. Die Fahrer wussten oft schon von mir, bevor sie mich sahen, fuhren grossräumig vorbei und winkten. Ich winkte zurück, und für ein paar Sekunden war die leere Strasse nicht mehr ganz so leer.
In Coldfoot stand das erste richtige Restaurant seit Tagen. Ich bestellte einen Burger, ein Omelette, Pommes, einen kleinen Salat für die Vitamine und einen Liter Cola. Rundherum sassen Trucker, ziemlich genau so, wie man sie sich vorstellt. Einer war Weltmeister im Bartwettbewerb.
Sie fanden es verrückt, dass ich mit dem Velo unterwegs war. Einige von ihnen fuhren dieselbe Strecke mehrmals pro Woche, das ganze Jahr hindurch.
Ostern unter Nordlichtern
In den ersten Nächten sah ich jedes Mal Nordlichter. Manchmal tauchten sie erst spät auf, wenn ich noch immer unterwegs war und die Strasse längst nur noch im Licht meiner Lampe sah.
Am vierten Tag war Ostern.
Vor der Abreise hatte ich überlegt, den Start ein paar Tage zu verschieben, um noch einmal zu Hause zu sein. Mit dem Zeitplan für den Denali wäre das aber nicht aufgegangen. Es ging mir nicht besonders um Ostern selbst. Mich beschäftigte vielmehr, dass zwei Jahre lang genug sind, damit sich zu Hause viele Dinge verändern. In den Monaten vor dem Start hatte ich versucht, möglichst viel Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind. Trotzdem gibt es bei einer langen Abreise keinen Moment, an dem man sagen kann: Jetzt war es genug. Man fährt einfach irgendwann los.

Der Arctic Circle verändert alles
Nördlich des Arctic Circle war die Strasse hart gefroren. Teilweise bestand sie aus blankem Eis, weshalb ich mit Spikereifen fuhr. Sie machten das Velo langsam, hielten mich aber zuverlässig auf der Fahrbahn.
Dann wurde es wärmer. Nicht richtig warm, nur wenige Grad über null. Das genügte, um die Oberfläche innerhalb kurzer Zeit aufzuweichen. Aus der harten Eispiste wurde tiefer Matsch, der an Reifen, Rahmen, Schuhen und Kette kleben blieb. Die Kette sprang irgendwann alle paar Sekunden aus dem Antrieb. Ich legte sie wieder ein, fuhr zehn Meter und stand erneut neben dem Velo. Nach einer Weile schob ich nur noch.
Ein kleines Leben
In den ersten Tagen war ich begeistert vom Dalton Highway. Gegen Ende wurde die Beziehung schwieriger. Die Kälte, der Wind, der Matsch und die langen Tage begannen sich zu summieren.
Beklagen will ich mich keineswegs, ich wusste genau, wie überschaubar meine Probleme eigentlich waren.
Ich hatte keine Prüfung, keine dringenden Mails, keine Präsentation und keine zehn offenen Aufgaben gleichzeitig. Geld konnte ich kaum ausgeben, weil es auf weiten Teilen der Strecke nichts zu kaufen gab. Mein grösstes Problem war eine schmutzige Kette. Eigentlich war es mein einziges.
Nach Monaten, in denen fast jeder Tag aus Planen, Organisieren und Entscheiden bestanden hatte, war das eine enorme Vereinfachung. Mein Alltag reduzierte sich auf wenige Dinge: fahren, essen, warm bleiben, schlafen und am nächsten Morgen wieder los.
Nicht jeder Kilometer war spannend. Manche Abschnitte waren lang und eintönig, und manchmal passierte stundenlang nichts. Gerade das tat gut.

Fairbanks
Nach acht Tagen erreichte ich Fairbanks. Ich war müde, hatte zu wenig gegessen, leichte Erfrierungen an der Nase und Beine, die sich erst langsam daran erinnerten, wie Velofahren funktioniert. Gleichzeitig hatte ich die erste Etappe geschafft, auf einem Velo, das ich eine Woche vor dem Start noch nicht einmal besessen hatte.
Von Fairbanks ging es weiter Richtung Talkeetna. Dort warteten Heli und Laëtitia, mehrere hundert Kilogramm Expeditionsmaterial und ein Plan, bei dem niemand genau wusste, ob er funktionieren würde.
Vor dem Denali hatte ich Angst. Der Berg war gross, die Temperaturen tief, der Zustieg unklar, und nach dieser Velostrecke fühlte ich mich nicht so erholt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Trotzdem freute ich mich darauf.
Die acht Tage auf dem Dalton Highway hatten meine Zweifel nicht beseitigt. Sie hatten nur dafür gesorgt, dass ich nicht mehr den ganzen Tag über sie nachdachte.
Jetzt gehts erst richtig los, auf den Denali, aber das ist eine andere Geschichte.
*Tobias Renggli ist auf dem Weg von Prudhoe Bay in Alaska nach Ushuaia in Patagonien. 35 Länder, 35 höchste Gipfel, rund 40'000 Kilometer aus eigener Kraft.



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