top of page

Whitehorse bis Vancouver

  • 4. Aug.
  • 6 Min. Lesezeit

Zwei Wochen Velo, sechzehn Bären und eine Drohne im Steilhang

von Tobias Renggli



Ein neues Kapitel


Nach dem Mount Logan war vorerst Schluss mit Ski. Zwei Expeditionen, zwei Gipfel und fast drei Monate Gletscher lagen hinter mir. Nun kam endlich das, worauf ich mich seit Wochen gefreut hatte: Sommer, Asphalt, kurze Hosen und ein Velo ohne 60 Kilogramm Expeditionsmaterial.

Zum ersten Mal seit Langem war ausserdem ein Freund von zu Hause dabei.

In Whitehorse verpackte ich die gesamte Winterausrüstung für den Rücktransport in die Schweiz: drei randvolle Duffelbags und einen Skisack, alles bis ans Gewichtslimit gefüllt. Ich hatte mich lange darauf gefreut, dieses Material loszuwerden. Solange Ski, Expeditionsanzüge, Kocher und schwere Bergschuhe mitreisten, war auch die nächste logistische Aufgabe nie weit entfernt.

Am 29. Juni kam Gian an. Wir haben zusammen an der ETH studiert, haben aber definitiv mehr Zeit zusammen oberhalb der Baumgrenze als im Hörsaal verbracht. Mitte März haben wir uns verabschiedet, damals hatten wir gesagt, bis Juli sei es ja gar nicht so lange. Dazwischen lagen der Denali, der Mount Logan und sehr viele Dinge, die hätten schiefgehen können.

Am selben Abend verabschiedete ich mich von Heli. Drei Monate lang hatten wir fast jeden Tag zusammen verbracht, zwei grosse Berge bestiegen und mehr erlebt, als in diese Zeit eigentlich hineinpasste. Dann sassen wir zu dritt bei einem Burger, tranken etwas, und plötzlich war dieses Kapitel vorbei.


Der geschenkte Lachs

Am nächsten Morgen fuhren Gian und ich los. Die erste Etappe führte 180 Kilometer bis zum Teslin Lake. Unterwegs standen drei Schwarzbären am Strassenrand. Sie wirkten entspannt, wir ebenfalls.

Am Abend schlugen wir unser Zelt direkt am Wasser auf. Erst am nächsten Morgen merkten wir, dass der Platz teilweise zu einem Privatgrundstück gehörte. Der Besitzer kam mit einem kleinen Fahrzeug vorbei, und ich rechnete kurz damit, dass er uns wegschicken würde.

Stattdessen fragte er, was wir machten, und fuhr wieder davon. Eine Viertelstunde später kam er zurück und schenkte uns einen ganzen Lachs, bereits gewürzt, in Alufolie verpackt.

Am Abend grillierten wir ihn über dem Feuer und assen Kartoffelstock aus dem Beutel dazu. Es war eines der besten Essen der Reise.


Der Cassiar Highway

Kurz darauf bogen wir auf den Cassiar Highway ab. Die Strasse wurde schmaler, die Markierungen verschwanden, und aus dem breiten Highway wurde eine Asphaltpiste durch den Wald. Gleichzeitig kamen die ersten längeren Steigungen und Abfahrten.

Der dritte Tag begann mit starkem Gegenwind, einem trockenen Camp und einem einzelnen Riegel zum Frühstück. Der Laden, auf den wir 40 Kilometer lang zugefahren waren, war geschlossen, obwohl Google etwas anderes behauptete. Gegen Mittag hatten wir kaum Strecke gemacht und waren entsprechend mittelmässig gelaunt.

Dann kamen wir nach Jade City. Der Ort bestand im Wesentlichen aus wenigen Häusern und einem Kristallladen, in dem es Chips, Cola und kostenlosen Tee gab. Ich schüttete so viel Zucker in meinen Becher, dass der Tag danach wieder deutlich besser aussah.

Am Nachmittag hielten zwei junge Frauen mit dem Auto neben uns an. Sie hatten gerade selbst eine Veloreise beendet und schenkten uns ihre restlichen Vorräte: Müesli, Riegel, Datteln und Erdnussbutterpulver. Von dessen Existenz hatte ich bis dahin nichts gewusst. Wenige Wochen zuvor hatten wir zehn Kilogramm echte Erdnussbutter auf den Denali geschleppt.

Am Ende des Tages standen 170 Kilometer, zwei Bären, ein Luchs und ein Adler auf dem Tacho.

Insgesamt sahen wir auf dem Weg nach Vancouver sechzehn Bären. Der Rekord lag bei sechs an

einem Tag.



Kilometer ohne Geschichte

Ab Kitwanga wurde die Strecke dichter besiedelt und deutlich weniger interessant. Grössere Strassen, mehr Verkehr, Landwirtschaft und Industrieorte lösten die langen Waldabschnitte ab.

Wir fuhren über Smithers, Burns Lake, Vanderhoof, Prince George, Quesnel und Williams Lake. An vielen Tagen legten wir mehr als 200 Kilometer zurück. Landschaftlich blieb davon wenig hängen.

Am 9. Juli schrieb ich ins Tagebuch, es sei der schlechteste Tag der Reise gewesen. Das Highlight war ein japanisches Fastfood-Restaurant in Prince George.

Auch die Stimmung entlang der Strecke veränderte sich. In Quesnel war die Fentanylabhängigkeit vieler Menschen offen sichtbar. Gleichzeitig kam ein Amber Alert wegen eines entführten Kindes auf unsere Telefone, und entlang der Strasse standen immer wieder Schilder mit vermissten Personen. Die ganze Gegend wirkte bedrückend.

Dafür kehrte langsam die Nacht zurück. Zum ersten Mal seit Alaska wurde es abends wieder richtig dunkel. Wenn wir spät weiterfuhren, waren diese letzten Kilometer oft der ruhigste Teil des Tages.


Weg vom Highway

Ab Williams Lake verliessen wir die Hauptstrasse.

Zuerst ging es steil hinunter zu einem Fluss und danach 600 Höhenmeter am Stück wieder hinauf. Später fuhren wir im Dunkeln über eine holprige Schotterpiste und zelteten an einem See, den wir bei der Ankunft nicht einmal sehen konnten. Am nächsten Morgen war es einer der schönsten Plätze der gesamten Strecke.

Von dort führte ein kurzer Fussweg zu Sanddünen mitten in einem Canyon. Die trockene, fast wüstenartige Landschaft passte überhaupt nicht zu dem Kanada, das ich im Kopf hatte. Anschliessend fuhren wir stundenlang auf einer perfekten Gravelstrasse, ohne ein einziges Auto, und erreichten bei Sonnenuntergang eine Hochebene auf 1’600 Metern.

Zum ersten Mal seit Tagen hatte ich wieder das Gefühl, dass die Landschaft Teil der Geschichte war.



Die Drohne

Der 12. Juli wurde mein Lieblingstag dieser Etappe. Die Strasse wurde immer schlechter, bis wir mehr schoben als fuhren. Wir überquerten Flüsse in Flipflops und standen irgendwann vor einer Lodge, die deutlich zu luxuriös für uns war. Auf der Terrasse bestellten wir Chicken Wings und Cola.

Danach folgte eine Asphaltstrasse direkt an einem See entlang. Die Landschaft war so schön, dass ich die Drohne startete. Ich blickte für zwei Sekunden auf die Fernbedienung und liess dabei den Joystick nicht los. Als ich wieder hinsah, war die Verbindung abgebrochen. Die Drohne lag irgendwo in einem steilen, sandigen Hang.

Das eigentliche Problem war nicht die Drohne selbst. Ich hatte auf der gesamten Strecke kein einziges Backup gemacht. Sämtliche Fotos und Videos der letzten zwei Wochen waren darauf gespeichert. Wir kletterten den Hang hinauf. Der Boden war brüchig, und immer wieder lösten sich Steine, die bis zur Strasse hinunterrollten. Ich hatte ernsthaft Angst, ein vorbeifahrendes Auto zu treffen oder dass einer von uns den anderen mit einem Felsbrocken erwischt.

Irgendwann bekam ich wieder ein Signal und konnte den Piepton aktivieren. Gian fand die Drohne schliesslich im Gestrüpp. Sie war unbeschädigt.


Gold Bridge

Als wir Gold Bridge erreichten, war der einzige Laden längst geschlossen. Dafür fanden wir ein altes, heruntergekommenes Hotel mit Billardtisch, dunkler Bar und einem Besitzer mit langen Haaren, der über seine eigenen Witze am lautesten lachte.

Er füllte unsere Benzinflaschen auf und erzählte, wie er mit seinen sieben Kindern in einem Bus dreieinhalb Jahre lang von Alaska nach Panama gefahren war. Am Darién Gap habe er Einheimische bezahlt, damit sie eine Strasse durch den Dschungel schlagen. Später hätten ihn Guerillas in Kolumbien aufgehalten, mit ihm getrunken und gekifft und ihn schliesslich zurückgeschickt.

Es war schwer einzuschätzen, welcher Teil davon stimmte. Das Hotel fühlte sich trotzdem an wie eine Szene aus einem Film.


Ein Berg ohne Kocher

Am nächsten Tag liessen wir die Velos stehen und gingen zu Fuss in die Berge. Radfahren wurde uns langsam zu langweilig.

Schon am Morgen war unsere Benzinflasche in einer Velotasche ausgelaufen. Alles stank. Am Railroad Pass wollten wir Pasta kochen und stellten fest, dass die Pumpe des Kochers nicht mehr funktionierte.

Wir zerlegten sie vollständig und versuchten sie zu reparieren, ohne Erfolg. Damit hatten wir keinen Kocher, kaum Snacks und mehrere Mahlzeiten, die sich ohne heisses Wasser nicht zubereiten liessen. Trotzdem packten wir unsere viel zu schweren Rucksäcke und gingen los.

Bei den Seen lag Mitte Juli noch so viel Schnee, dass unsere geplante Runde über den Faceless Mountain und den Locomotive Mountain nicht möglich war. Wir hatten Trailrunning-Schuhe dabei, aber weder Pickel noch Steigeisen.

An einem der Seen campierte eine Familie. Wir fragten, ob wir kurz ihren Gaskocher ausleihen dürften. Daraus wurden Spaghetti Carbonara und drei gefriergetrocknete Mahlzeiten, die wir direkt mit dem Nudelwasser zubereiteten.

Danach stiegen wir stattdessen auf den Railroad Mountain. Der Weg war weglos, aber technisch einfach. Sonnenuntergang und Sonnenaufgang fielen beide aus. Es blieb grau.

Schön war es trotzdem.


Bis ans Meer

Danach ging es schnell. Über eine lange Waschbrettpiste fuhren wir nach Pemberton hinunter und kamen auf den Sea to Sky Highway. Die Strecke über Whistler und Squamish war schön.

Am Ende des Tages hatten wir 166 Kilometer zurückgelegt. Der Campingplatz, den wir angepeilt hatten, war voll und hätte 60 Dollar gekostet. Also fuhren wir weiter und fanden im Dunkeln einen Platz rund hundert Meter über dem Meer, vor uns eine Insel, dahinter Wasser und Tannen. Traumhaft.

Von dort blieben noch etwa 45 Kilometer. Wir fuhren der Küste entlang, durch West und North Vancouver und über die Lions Gate Bridge. Dann stand plötzlich die Skyline vor uns.



Vancouver

In Vancouver hatten wir zum ersten Mal seit sechzehn Tagen eine Dusche und eine Waschmaschine. Nach 36 Tagen am Denali kam mir selbst dieser Zeitraum fast kurz vor.

Am nächsten Morgen standen wir um vier Uhr auf, um den Sonnenaufgang über der Skyline zu sehen. Danach assen wir ein grosses Frühstück. Am Nachmittag packte Gian sein Velo ein und flog zurück in die Schweiz.

Nach zwei Wochen zusammen war auch dieses Kapitel plötzlich vorbei.

Kanada war damit fast abgeschlossen. Der Mount Logan war bestiegen, rund 3’000 Kilometer lagen hinter mir, und bis zur Grenze der USA fehlten nur noch etwa 50 Kilometer.

Jetzt freue ich mich auf 2.5 Wochen Ferien mit Nadja. Aber das ist eine andere Geschichte.


---


Tobias Renggli ist auf dem Weg von Prudhoe Bay in Alaska nach Ushuaia in Patagonien. 35 Länder, 35 höchste Gipfel, rund 40'000 Kilometer aus eigener Kraft. Der Denali war der erste.





 
 
 

Kommentare


Inspiriert von meinen Abenteuern?

In meinen Vorträgen erzähle ich auch LIVE von all meinen Erlebnissen!

bottom of page