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Mount Logan

  • 4. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Vierzehn Tage auf dem grössten Berg der Welt als letztes Team der Saison

von Tobias Renggli



Die Stille

Am 10. Juni 2026 setzte uns ein winziges Flugzeug auf einem Gletscher im Yukon ab. Wir hatten rund 150 Kilogramm Gepäck dabei.

Der Pilot half uns beim Ausladen, wünschte uns alles Gute und startete wieder. Einmal flog er noch über uns hinweg, dann verschwand das Flugzeug am Horizont. Kurz darauf verstummte der Motor.

Was blieb, war eine Stille, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

Wir waren zu zweit: Heli Hofmann und ich. In der ganzen Saison waren nur 27 Menschen in neun Teams am Mount Logan unterwegs. Davon erreichte weniger als die Hälfte den Gipfel. Wir waren die letzen in diesem Jahr, die es noch versuchen wollen.

Der Mount Logan ist mit 5’959 Metern der höchste Berg Kanadas und liegt mitten im grössten zusammenhängenden Eisfeld ausserhalb der Polargebiete. Beim Denali waren wir zwei Wochen lang von der Strasse bis zum Berg gelaufen. Beim Logan war ein solcher Zustieg im Juni nicht mehr realistisch.

Ein Anmarsch aus eigener Kraft wäre theoretisch möglich gewesen, aber nur über enorme Distanzen, grosse Flüsse und mit einem eigenen Zeitfenster. Nach dem Denali und mit dem einsetzenden Sommer war das keine vernünftige Option mehr.

Also liessen wir uns per Flugzeug ins Basecamp bringen.

Dass wir beim Denali hineingelaufen waren und beim Logan flogen, beschäftigt mich bis heute ein wenig. Der Flug selbst war dafür kaum zu begreifen. Unter uns lagen Gletscher und Eisfelder in einer Dimension, die ich so noch nie gesehen hatte. Alles war so gross, dass selbst der Mount Logan nicht besonders mächtig wirkte.


Zu einfach

Die ersten vier Tage waren fast zu einfach. Am Denali hatten wir 25 Tage gebraucht, um auf 4’000 Meter zu kommen. Am Logan standen wir am dritten Tag dort. Der Schnee war hart gefroren, die Pulkas liefen fast von selbst, und wir konnten den grössten Teil des Materials in einem Zug transportieren, ohne mehrmals hin- und herlaufen zu müssen.

Tagsüber war es warm genug für ein T-Shirt, nachts wurde es eiskalt. Vom Basecamp auf 2’700 Metern ging es über Camp 1 auf 3’400 Metern bis zum King’s Col auf 4’100 Metern.

Die Landschaft war vielleicht das Schönste, was ich bis dahin gesehen hatte. Neben Camp 2 brachen gewaltige Gletscher ab, gegenüber stand der King Peak, unter uns lagen Nebelmeere, darüber Sonnenuntergänge, bei denen der ganze Himmel zu brennen schien.

Am vierten Tag trugen wir Material bis ins Camp 3 auf 4’850 Meter. Der Weg führte durch einen Gletscherabbruch mit Eisblöcken, die grösser waren als Häuser. Danach fuhren wir auf Ski zurück ins Camp. Es waren die ersten richtigen Skischwünge der ganzen Reise. Am Denali waren wir nie dazu gekommen.

Nach vier Tagen dachte ich: Noch drei gute Wettertage, dann sind wir oben.


Fünf Tage im Zelt

Dann kam der Sturm. Zwei Tage lang blies der Wind mit bis zu 100 Stundenkilometern. Dazu fiel ein halber bis ein ganzer Meter Neuschnee. Das Zelt war bald zur Hälfte eingeschneit, während der Boden rundherum stellenweise komplett blankgefegt war.

Schon der Gang aufs WC wurde aufwendig. Alles anziehen, hinaus, so schnell wie möglich erledigen, zurück ins Zelt. Immer ein kleines Abenteuer für sich.

Aus zwei Tagen wurden fünf. Ich schlief teilweise 16 bis 18 Stunden pro Tag, sortierte GoPro-Material, schrieb lange Tagebucheinträge und zog irgendwann zum ersten Mal auf der ganzen Reise meine Socken aus. Das war schön.

Das eigentliche Problem war aber nicht der Sturm. Es war der steile Hang direkt hinter unserem Camp. Durch ihn führte der einzige Weg nach oben, und nun lag dort sehr viel neuer Schnee.

Am siebten Tag gruben wir ein Schneeprofil. Unter dem Neuschnee lag eine Eisschicht, darunter nochmals eine dicke Schicht und erst dann der Altschnee. Beim Stabilitätstest konnten wir 27-mal schlagen, bevor sich etwas bewegte. Das war eigentlich ein gutes Zeichen.

Wir packten unsere Sachen und waren vorsichtig optimistisch. Dann machte Heli zwei Schritte neben das Profil. Es gab ein tiefes Wumm-Geräusch, und ein grosser Teil des Hanges sackte in sich zusammen. Damit war klar, dass wir nicht weitergingen.

Mental war das schwieriger als vieles am Denali. Dort hatte von Anfang an alles Geduld verlangt. Hier war es zuerst schnell und einfach gegangen. Nun wollte ich nur noch hinunter, zurück in den Sommer und aufs Velo. Gleichzeitig lag ein grosser Teil unseres Materials bereits oben im Camp 3.



Durch den Hang

Am zehnten Tag versuchten wir es. Ich war den ganzen Morgen nervös. Wir stiegen zuerst ohne Gepäck auf, nur mit Lawinenausrüstung, und suchten rechts eine neue Linie. Dort gruben wir ein weiteres Schneeprofil. Diesmal blieb die Schneedecke auch nach 30 Schlägen stabil.

Heli stieg bis zu einer Eiswand vor und baute einen Stand. Ich folgte in seiner Spur. Durch den steilsten Abschnitt sicherten wir uns mit Snow Pickets und Eisschrauben.

Nicht weil das eine Lawine verhindert hätte, sondern weil wir hofften, nicht vollständig mitgerissen zu werden, falls doch etwas abging.

Es dauerte lange, aber der Hang hielt. Heli sprang oben nochmals absichtlich auf die Schneedecke, um eine Reaktion zu provozieren. Nichts geschah. Also stiegen wir wieder ab, packten und gingen am selben Abend gegen halb acht nochmals hinauf. Diesmal mit sehr schweren Rucksäcken.

Im oberen Teil gab es erneut ein Wumm-Geräusch. Der Hang blieb liegen. Kurz darauf löste sich im Gletscherabbruch direkt vor Heli eine kleine Lawine und schoss in eine Gletscherspalte. Sie war nicht gross, aber schnell. Wir hatten die Lawine dort aber erwartet und hatten alles unter Kontrolle.

Gegen halb zwei Uhr nachts erreichten wir Camp 3 auf 4’850 Metern. Es war -22 Grad. Von unserem Materialdepot schaute nur noch eine kleine Fahne aus dem Schnee. Alles andere war zugeschneit.



Ein Zelt für eine Person

Am nächsten Tag stiegen wir über einen Pass auf 5’600 Meter und auf der anderen Seite auf ein riesiges, leicht abfallendes Plateau.

Der Schnee war so schlecht, dass selbst das Bergabfahren anstrengend war. Eigentlich wollten wir bis auf 5’100 Meter hinunter, hörten aber bereits auf 5’300 Metern auf und stellten dort das Zelt auf.

Wir hatten nur Helis Leichtzelt dabei. Es wog ungefähr ein Kilogramm, war keine zwei Meter lang und selbst für eine Person knapp. Zu zweit konnten wir kaum aufrecht sitzen. Unsere Atemluft kondensierte an der Innenwand und gefror, sodass es bei jedem Windstoss im Zelt schneite.

Meinen warmen Schlafsack hatte ich weiter unten gelassen. Ich hatte nur einen Synthetikschlafsack mit einer Komforttemperatur von minus fünf Grad dabei. Suboptimal bei -30 Grad auf 5300 Metern…

Trotzdem war der Abend schön. Die Sonne ging über dem Eisfeld unter, die Berge wurden rot und orange, und wir waren überzeugt, den Mount Logan am nächsten Tag erreichen zu können.

Der Wecker stand auf fünf Uhr.


Der letzte Gipfeltag der Saison

Am 20. Juni liefen wir gegen halb sieben los. Pünktlich mit den ersten Sonnenstrahlen, die uns ganz langsam auftauten.

Zuerst ging es bergab, trotzdem war es anstrengend. Der Schnee war viel tiefer, als ich auf dieser Höhe erwartet hatte. Ich hatte mit hartem, windgepresstem Untergrund gerechnet. Stattdessen sanken wir tief ein.

Im Becken auf rund 5’100 Metern ging es wieder bergauf, über einen steilen, windverblasenen Hang. Wir deponierten alles, was wir nicht mehr brauchten. Wasser hatten wir zu wenig. Aber es reichte.

Ansonsten verlief der Tag ruhig. Das ist wahrscheinlich das Beste, was man über einen Gipfeltag sagen kann. Die Sonne schien, es gab kaum Wind, und es war erstaunlich warm. Die Höhe spürte ich deutlich weniger als am Denali. Auf ungefähr 5’900 Metern liessen wir die Ski zurück und zogen Steigeisen an.

Danach kam überraschend ein schmaler Grat, den wir auf keiner Karte und auf keinem Foto gesehen hatten. Die Bedingungen waren aber gut. Am späten Nachmittag standen wir auf dem Gipfel des Mount Logan. 5’959 Meter, windstill, klare Sicht bis zum Pazifik. Ein unglaublicher Moment. Wir blieben lange oben.

Der Gedanke, der mir dort nicht aus dem Kopf ging: Wir waren das letzte Team der Saison. Für ungefähr zehn Monate würde niemand mehr hier stehen. Ein unglaubliches Gefühl.



Der Weg zurück

Der Rückweg zog sich. Die Abfahrt war wegen des schlechten Schnees mühsam. Unten im Becken war ich erschöpft, und danach mussten wir nochmals ungefähr 500 Höhenmeter zum Pass aufsteigen.

Der letzte Abschnitt war hart und wir waren langsam. Erst gegen zwei Uhr morgens erreichten wir wieder unser Zelt im Camp 3. Am nächsten Tag, dem 21. Juni, stiegen wir ins Basecamp ab. Es war der längste Tag des Jahres. Die Rucksäcke waren so schwer, dass wir sie uns gegenseitig anheben mussten.

Die Sicht war schlecht, der Schnee weich und unberechenbar. Ich fuhr Ski, als hätte ich es nie gelernt. Der Abstieg dauerte länger als der Aufstieg. Im Camp 2 verluden wir alles auf die Pulkas. An einigen steilen Stellen liessen wir sie an selbstgebauten Ankern hinunter.

Dann ging die Sonne unter. Der ganze Himmel wurde rot und orange, die Berge leuchteten, und wir glitten über ein riesiges Eisfeld. Hunderte Kilometer vom nächsten Ort entfernt, allein und in völliger Stille. Mit der Gewissheit, dass wir alles erreicht hatten, was wir erreichen wollten. Ein Moment für die Ewigkeit.

In diesem Moment wusste ich bereits, dass ich das vermissen würde. Kurz nach Mitternacht erreichten wir das Basecamp in der untergehenden Sonne. Genau den Ort, an dem wir dreizehn Tage zuvor abgesetzt wurden. Ich war so tiefenentspannt, stress- und sorgenfrei wie seit Jahren nicht mehr.


Zurück

Am 22. Juni um acht Uhr morgens kam das Flugzeug. Vierzehn Tage. Genau so lange, wie ich es mir vor der Expedition gewünscht hatte.

Zurück in Silver City war ich völlig überfordert und sass lange einfach nur da. Wenig später drückte uns ein Flugzeugmechaniker, der zufällig hörte, dass wir nach Haines Junction in ein Restaurant wollten, seinen Autoschlüssel und den Code zu seinem Haus in die Hand. Wir sollten ihm seine vergessene Zahnschiene bringen und uns unterwegs im Restaurant verpflegen.

Wenige Stunden zuvor waren wir noch allein auf einem Gletscher gewesen. Nun sassen wir im Auto eines fremden Menschen. In Haines Junction bestellten wir Burger, Caesar Salad, Glace und Cola. Absurd.

Denali und Mount Logan in derselben Saison. Vor der Reise hatte ich kaum gewagt, mir vorzustellen, dass das wirklich funktionieren könnte. Und jetzt ist es Geschichte. Ein wahr gewordener Traum!

Jetzt ist Zeit für einen recovery ride Richtung Mexiko. Aber das ist eine andere Geschichte.


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Tobias Renggli ist auf dem Weg von Prudhoe Bay in Alaska nach Ushuaia in Patagonien. 35 Länder, 35 höchste Gipfel, rund 40'000 Kilometer aus eigener Kraft. Der Denali war der erste.




 
 
 

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