Die USA Westküste
Von Vancouver bis an die mexikanische Grenze. Strände, Städe, Wüste, Berge, Mammutbäume und 49 Grad
von Tobias Renggli

Zurück auf dem Velo
Die zweieinhalb Wochen in Vancouver waren die erste richtige Pause seit dem Start der Reise. Nadja war zu Besuch, und wir hatten die Zeit grösstenteils ruhig verbracht: ein paar Tage in den Bergen, eine kleine Hütte an einem See, danach Vancouver. Kein Zeitplan, kein Stress und keine Probleme, die sofort gelöst werden mussten.
Am Tag ihrer Abreise brachte ich sie zum Flughafen, fuhr zurück in die Stadt und machte mich wieder auf den Weg. Natürlich war der Abschied nicht ganz leicht, aber anders als noch im Frühling. Diesmal lag nicht direkt die nächste grosse Expedition vor mir, sondern einfach die Westküste.
Zwei Stunden später stand ich an der Grenze zu den USA. Fingerabdrücke, Foto, viele Fragen, dann liessen sie mich rein. Vor mir lagen Seattle, der Mount Rainier, Oregon, die Redwoods, San Francisco und irgendwann die Wüste.
Auf der Karte sah das nach einer ziemlich guten Strecke aus. Einfach immer weiter nach Süden.
Sehr viel Schönes
Die Routenplanung war dann doch nicht ganz so trivial. Nach Seattle wusste ich nicht, ob ich einfach direkt Richtung Süden radeln soll, eine Zusatzrunde durch den Olympic Nationalpark oder einen Abstecher zum Mount Rainier machen sollte. Verschiedene Waldbrände und schlechte Luftqualität durch den vielen Rauch machte die Entscheidung nicht leichter. Ich entschied mich für Mount Rainier. Der Berg steht ziemlich allein in der Landschaft, ein vergletscherter Vulkan, der auf den letzten Serpentinen nach dem Sonnenaufgang plötzlich auftaucht und danach immer irgendwo über einem hängt. Nachmittags liess ich das Velo stehen, lief auf die Burroughs Mountains und kam erst mit der Stirnlampe zurück. Der Sonnenuntergang war fantastisch! Danach fuhr ich unter dem endlosen Sternenhimmel noch über einen Pass zum Tipsoo Lake, stellte dort gegen halb eins das Zelt auf und den Wecker auf fünf.
Für mich gings weiter Richtung Oregon. Die Küste war genau so, wie man sie sich vorstellt: breite Strände, Felsklippen, Sanddünen, Wald, dazwischen immer wieder kleine Orte und sehr viel Meer. An einem Tag hatte ich soliden Rückenwind und bin 280 Kilometer gefahren. Unterwegs hatte ich den ersten Platten der ganzen Reise. Nach Alaska, Kanada, Eis, Gravel und tausenden Kilometern war es ein Reissnagel in einer Einfahrt in Oregon. Obwohl ich mit dem Fahrrad schon über 50 Länder durchquert hab, hab ich immer noch Mühe, einen Platten zu flicken.
Ein paar Tage später bog ich auf die Avenue of the Giants ab, eine Nebenstrasse durch die Redwoods, auf der fast kein Verkehr war. Manche dieser Bäume haben acht Meter Stammdurchmesser, was auf Fotos erstaunlich schlecht rüberkommt. Dennoch war es einer meiner Lieblingsorte in den USA. Dort hatte ich wieder einen Platten.

Während ich am Strassenrand sass, kam ein älterer Mann auf einem vollbeladenen Velo vorbei, mit zwei Tennisschlägern und einer Gitarre. Er stellte sich als Philosoph und Nomade vor und erklärte mir ausführlich sein Konzept namens «Tennissance», eine Mischung aus Tennis und Renaissance. Danach zeigte er mir einen Trick, bei dem er sich mit zwei Tennisschlägern selbst einen Ball zuspielt. Ich verstand nicht ganz, wo die Revolution lag, aber er half mir anschliessend beim Flicken.
Ein Highlight nach dem anderen
San Francisco war seit Vancouver mein erstes grosses Etappenziel. Danach kam Yosemite. Danach die Alabama Hills. Danach eigentlich der Mount Whitney. Und dann das Death Valley.
Es war alles schön. Wirklich schön. Genau das wurde langsam ein Problem.
Alle paar Tage kam ein Ort, der bei einer normalen Reise vermutlich der Höhepunkt gewesen wäre. Golden Gate Bridge. Yosemite Valley. Tioga Pass. Die Felsen der Alabama Hills. Danach das Death Valley. Ich fuhr weiter, machte Fotos, flog die Drohne, filmte, schaute mir den nächsten Ort an und fuhr wieder weiter.
In den Alabama Hills hatte ich sogar ein Permit für den Mount Whitney bekommen, den höchsten Berg der zusammenhängenden USA. Eigentlich hätte ich hochgehen können. Dafür hätte ich allerdings in derselben Nacht ohne Schlaf loslaufen müssen. In den Tagen davor hatte ich selten mehr als vier Stunden geschlafen, tagsüber waren es über vierzig Grad und ich merkte langsam, dass ich nicht mehr jeden Umweg nur deshalb machen musste, weil er möglich war. Also liess ich den Whitney aus.
Das war für mich gar nicht so selbstverständlich. Normalerweise denke ich eher: Wenn ich schon hier bin, dann mache ich es auch. Diesmal blieb ich unten und fotografierte stattdessen bis nach Mitternacht Sterne zwischen den Felsen.

49 Grad
Am nächsten Tag lud ich in Lone Pine zehn Liter Wasser aufs Velo und fuhr Richtung Death Valley. Zuerst ging es auf einen Pass auf rund 1’600 Meter, danach sehr lange bergab. Normalerweise kühlt Fahrtwind. Dort fühlte er sich eher an wie ein Föhn.
In Panamint Springs setzte ich mich in ein klimatisiertes Restaurant, bestellte Eistee und Pommes und schlief danach zwei Stunden unter einem Baum. Anschliessend füllte ich nochmals etwa zwölf Liter Wasser auf und liess mir Eiswürfel geben, die ich in die Socken und unter die Kleidung steckte.
Am Abend ging es über den nächsten Pass und danach 1’600 Höhenmeter hinunter ins Tal. Die Sonne war längst weg, über mir waren Sterne und Mond, aber es hatte noch immer weit über vierzig Grad. An diesem Tag trank ich deutlich mehr als zehn Liter.
Am nächsten Morgen fuhr ich zum Badwater Basin, ungefähr 85 Meter unter dem Meeresspiegel. Am Parkplatz steht ein Schild, das bei extremer Hitze davor warnt, sich länger als zehn Minuten draussen aufzuhalten. Ich war zu diesem Zeitpunkt seit mehr als 24 Stunden im Death Valley. Ein menschenfeindlicher Ort. Und gleichzeitig einer der beeindruckendsten auf dieser Reise bisher.
Auf dem Rückweg machte ich mich alle paar Kilometer komplett nass. Wenige Minuten später waren die Kleider wieder trocken. Das Thermometer zeigte 49 Grad. Das ist schon grenzwertig warm zum radeln…
Geschlafen habe ich in diesen Tagen teilweise einfach auf einem Picknicktisch, ohne Zelt und ohne Schlafsack. Manchmal bin ich auch die ganze Nacht durchgefahren und hab tagsüber in einem klimatisierten Restaurant, zusammengekauert auf der Sitzbank unter dem Tisch versucht zu schlafen, bis ich rausgeschmissen wurde.

Vom Death Valley ins Hilton
Wenige Stunden später war ich in Las Vegas.
Ich fuhr in verdreckten Velokleidern ins Hilton und duschte im 26. Stock. Kurz darauf sahen wir, dass in zwanzig Minuten Guns N’ Roses spielten, also kauften wir spontan Tickets und standen wenig später mit zehntausenden anderen Menschen im Stadion.
Am selben Tag noch 49 Grad, Eiswürfel in den Socken und Schlaf auf einem Picknicktisch, ein paar Stunden später Klimaanlage, Hotelzimmer und Konzert. Das war ungefähr der Moment, an dem ich merkte, dass diese Wochen langsam etwas absurd wurden.

Landscape Inflation
Eigentlich wollte ich von Las Vegas aus noch eine grosse Schleife durch Utah und Arizona fahren: Grand Canyon, Monument Valley, Zion, Bryce Canyon, Arches. Alles ikonische Orte, alles machbar, und auf der Karte sah es fast falsch aus, einfach daran vorbeizufahren. Ich hatte plötzlich trotzdem keine Lust mehr.
In wenigen Wochen hatte ich den Mount Rainier, die Küste von Oregon, die Redwoods, San Francisco, Yosemite, die Alabama Hills und das Death Valley gesehen. Jeder einzelne dieser Orte hätte eine Reise für sich sein können. Wenn aber alle zwei Tage etwas kommt, das normalerweise der Höhepunkt von drei Wochen Ferien wäre, verliert man irgendwann ein bisschen das Gefühl dafür.
Ich begann es für mich «Landscape Inflation» zu nennen. Nicht weil die Landschaften weniger schön werden, sondern weil die eigene Fähigkeit, sie wirklich wahrzunehmen, irgendwann nicht mehr hinterherkommt. Ich hätte noch mehr sehen können. Aber ich wollte nicht anfangen, Sehenswürdigkeiten einfach nur noch abzuhaken. Also liess ich die Schleife weg.

Drei Tage fast nichts
Statt Grand Canyon und Zion fuhr ich nur etwa sechzig Kilometer südlich von Las Vegas nach Primm und nahm für drei Nächte ein billiges Zimmer in einem Casinohotel mitten in der Wüste.
Ich sichtete Videos, beantwortete E-Mails, plante Mexiko und Mittelamerika und bewegte mich kaum vom Fleck. Nach all den Tagen, an denen ständig etwas passiert war, war es erstaunlich angenehm, drei Tage lang fast nichts zu erleben.
Danach ging es weiter durch die Mojave-Wüste. Zwischen zwei Tankstellen lagen 150 Kilometer. Ich hatte vierzehn Liter Wasser dabei und trotzdem einen miserablen Tag. Ob ich zu wenig getrunken hatte oder zu viel Wasser ohne genügend Elektrolyte, weiss ich bis heute nicht. Gegessen hatte ich jedenfalls kaum etwas.
Auf dem letzten Anstieg, bei über vierzig Grad, fühlte sich jeder Kilometer zäh an. Zwischendurch erwischte eine Windböe mein Kamerastativ, meine Sony fiel um und das Objektiv war danach kaputt.
Am Ende der Etappe erreichte ich Roy’s an der Route 66. Dort sass ein älterer Mann, der vor ungefähr vierzig Jahren selbst von Alaska nach Mexiko gefahren war. Wegen seines Akzents verstand ich vieles nicht. Einen Satz schon:
«Life is an adventure. There is no reason to die fat and stupid.»
Der letzte Abend
Am nächsten Tag wartete der Joshua Tree National Park. Ich verbrachte die Mittagshitze sechs Stunden lang in einem Restaurant in 29 Palms und fuhr erst gegen vier Uhr los. Danach ging es lange bergauf, fast ohne Verkehr. Die Sonne verschwand langsam, wenig später ging ein orangefarbener Vollmond über der Wüste auf. Ich fuhr ohne T-Shirt durch den Nationalpark und liess mein Hörbuch weiterlaufen. Keine grosse Sehenswürdigkeit mehr, kein weiterer Umweg, kein Berg, den ich unbedingt noch mitnehmen musste. Einfach fahren.
Es heisst oft, dass man nachts alles verpasst. An diesem Abend stimmte das nicht. Der Vollmond und der Sternenhimmel waren unglaublich. Gegen halb eins legte ich meine Matte am Salton Sea auf einen Picknicktisch.
Morgen werde ich Mexiko erreichen. Aber das ist eine andere Geschichte.
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Tobias Renggli ist auf dem Weg von Prudhoe Bay in Alaska nach Ushuaia in Patagonien. 35 Länder, 35 höchste Gipfel, rund 40'000 Kilometer aus eigener Kraft.
Fotos: David Riesbeck / Black Forest Collective



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