Talkeetna bis Silver City
- 4. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Wie die nächste Etappe nach 50 Metern fast vorbei war
von Tobias Renggli

Zurück vom Berg
Zwischen zwei Expeditionen liegt bei diesem Projekt kein Ruhetag, sondern eine Velostrecke. Der Denali lag nach 36 Tagen auf Gletschern hinter uns, der Mount Logan rund 1’200 Kilometer weiter östlich im Yukon. Dazwischen musste ich radeln.
Ich hatte mich darauf gefreut. Nach 36 Tagen am Berg endlich wieder eine andere Bewegung, wärmere Temperaturen und Vorwärtskommen ohne Pulka. Der erste Versuch dauerte ungefähr 50 Meter.
Nach dem Flug vom Gletscher durften wir einige Tage im Flugzeug Hangar von K2 Aviation in Talkeetna bleiben. Ein Hotel wollten wir uns nicht leisten. Nach mehr als einem Monat am Berg waren Waschmaschine, Dusche, WC und fliessendes Wasser genug, um sich wie in einem Hotel zu fühlen.
Drei Tage lang wuschen, trockneten, lüfteten und sortierten wir Material. Am ersten Morgen flog Laëtitia nach Hause. Damit war aus unserem Dreierteam plötzlich ein Zweierteam geworden. Fünf Wochen lang hatten wir alles gemeinsam entschieden, gekocht, diskutiert und ausgehalten. Nun fehlte eine Person.
Der nächste Punkt war weniger emotional, aber dringender: Wie bringen wir das gesamte Material auf zwei Velos?
50 Meter
Wir luden zuerst einfach alles auf. An meinem Velo hingen die Bikepacking-Taschen, hinten das Zelt, seitlich zwei Paar Ski und auf den Ski ein grosser 110 Liter Duffelbag. Heli zog einen Anhänger mit drei weiteren Duffelbags und hatte zusätzlich Packtaschen am Gepäckträger.
Wir redeten uns ein, dass es funktionieren würde, sobald die Velos rollten. Dann öffneten wir das Garagentor und fuhren los.
Bei mir hob sich das Vorderrad direkt vom Boden, weil der Duffelbag weit hinter der Hinterachse lag. Helis Anhänger war so schwer, dass an den Schweissnähten des Stahlanhängers bereits kleine Risse zu sehen waren. Suboptimal.
Nach etwa 50 Metern drehten wir um. Wir stellten die Velos wieder in den Hangar, schauten den Gepäckhaufen an und luden alles wieder ab.
Gepäck voraus
Die neue Lösung war nicht elegant, aber sie funktionierte. Wir liessen einen Teil des Materials in Talkeetna, radelten etwas leichter beladen nach Anchorage und organisierten uns dort ein Auto. Damit holten wir das restliche Gepäck zurück. Gleichzeitig kam uns Andi, der Gründer von Explora, von Whitehorse entgegen und deponierte die Taschen in Kanada.
Ganz wohl war mir mit der Lösung nicht. Das Projekt sollte aus eigener Kraft stattfinden, und nun fuhr ein Teil des Gepäcks voraus. Die Strecke legten wir weiterhin vollständig mit dem Velo zurück. Wir verzichteten nur darauf, die Räder so schwer zu beladen, bis die Velos oder der Anhänger auseinanderfielen. Das war die vernünftigere Entscheidung.
Nach den ersten 200 Metern des tatsächlichen ersten Fahrtags stieg meine elektronische Schaltung aus. Ich befestigte den Akku mit einem Kabelbinder so fest am Kontaktpunkt, dass sie wieder funktionierte. So fuhren wir bis Anchorage.
Wieder rollen
Als wir irgendwann wirklich unterwegs waren, fühlte es sich sofort gut an. Bergauf war das Gewicht brutal, auf flachen Abschnitten rollte es überraschend ordentlich.
Nach fünf Wochen auf einem Gletscher war der Verkehr anstrengend. Autos, Lärm, Menschen, Ampeln, alles fühlte sich plötzlich sehr viel an. Am zweiten Abend erreichten wir Anchorage.

Reparieren, einkaufen, organisieren
Dort durften wir erneut bei Florian Schulz wohnen, bei dem wir schon vor dem Denali untergekommen waren. Die nächsten zwei Tage reparierten wir alles, was kaputt war.
Ein Veloladen ersetzte mein Schaltwerk. Meine Ski waren ebenfalls hinüber, der Kern hatte sich aufgelöst. Scott hat mir in Anchorage ein paar neue organisiert.
Danach Costco. Wieder zu viel Essen, aber wir assen gerade auch sehr viel.
Nebenbei sicherte ich Videos, sortierte Fotos, bereitete Beiträge vor, beantwortete E-Mails, informierte Sponsoren und organisierte das Permit für den Mount Logan. In diesen Tagen ging ich regelmässig erst um drei oder vier Uhr morgens ins Bett.
Ich begann mich auf den Logan zu freuen, weil es dort keinen Strom und kein Internet geben würde.
Noch nicht erholt
Körperlich war ich vom Denali noch lange nicht zurück. Meine Füsse und mehrere Zehen waren weiterhin taub. Nach zwei Tagen auf dem Velo tat mir fast alles weh.
Auch mental war die Expedition noch nicht vorbei. Einerseits war da grosse Erleichterung über den Erfolg am Denali. Andererseits rückte der Mount Logan bereits näher. Ein Bekannter schrieb mir, wenn der Logan ebenfalls geschafft sei, seien 95 Prozent des Projekts erledigt und der Rest nur noch Fleissarbeit. Naja, mal schauen ob das stimmt.
Neun Tage Alaska Highway
Ende Mai fuhren wir von Anchorage in Alaska endgültig Richtung Kanada. Über diese neun Tage gibt es nicht viel zu erzählen. Genau das war das Schöne daran.
Wir fuhren auf dem Alaska Highway, vorbei an Wäldern, Seen, Gletschern und Bergen. Meistens um die 120 Kilometer pro Tag. Mit Ski am Velo und grossem Rucksack war das nicht ohne, aber überschaubar.
Innerhalb weniger Tage wurde Sommer. Wir fuhren in kurzen Hosen, die Bäume wurden grün, die Flüsse waren offen, Pollen lagen in der Luft und irgendwann kamen die Mücken. Nach Wochen, in denen alles gefroren war, kam das Leben zurück. Es fühlte sich an, als würden auch wir langsam wieder auftauen.
Wir schliefen auf Campsites oder irgendwo im Wald neben der Strasse. Nachts wurde es kaum noch dunkel. Mit den Ski am Velo wurden wir ständig angesprochen. Irgendwann hatte ich wenig Lust, jedes Mal dieselbe Geschichte zu erzählen. Meistens interessierte mich ohnehin mehr, was die anderen Menschen dort machten.
Alle ein bis zwei Tage fanden wir eine Tankstelle, einen Shop oder ein Restaurant. Dort luden wir Akkus, kauften Essen und fuhren weiter. Das Leben war sehr einfach: treten, essen, einen Schlafplatz suchen, schlafen. Nach fünf Wochen am Denali voller Wetterprognosen, Kälte, Lawinenlage und Entscheidungen war das sehr angenehm.
Neun Tage lang war nicht viel passiert. Wir waren einfach gefahren, hatten gegessen, geschlafen und zugesehen, wie Alaska und der Yukon jeden Tag grüner wurden.
Zwischen Denali und Mount Logan war das mehr als genug.

Silver City
Am Abend des 8. Juni erreichten wir Silver City am Kluane Lake. Am nächsten Tag packten Heli und ich für Mount Logan. Alles, was wir nicht brauchten, blieb unten. Trotzdem kamen wir am Ende auf rund 150 Kilogramm Material.
Am Nachmittag des 10. Juni starteten wir die Mount Logan Expedition. Aber das ist eine andere Geschichte.
*Tobias Renggli ist auf dem Weg von Prudhoe Bay in Alaska nach Ushuaia in Patagonien. 35 Länder, 35 höchste Gipfel, rund 40'000 Kilometer aus eigener Kraft.



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