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Vor dem Abenteuer

  • 4. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Über die letzten Wochen vor dem Beginn einer zweijährigen Reise

Von Tobias Renggli



Drei Wochen bis Alaska

Drei Wochen vor meiner Abreise nach Alaska hatte ich meinen Benzinkocher noch nie gesehen. Das war ungünstig, denn am Denali würden wir damit über Wochen unser gesamtes Wasser aus Schnee schmelzen. Wenn der Kocher dort oben nicht mehr funktionierte, konnten wir nicht einfach einen neuen kaufen. Ich hatte mir deshalb vorgenommen, ihn vor der Expedition so oft auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, bis ich jeden Handgriff blind beherrschte. Stattdessen hatte ich ihn noch nicht einmal in den Händen gehalten.

Auch mein Velo war noch nicht da. Das Zelt fehlte, der Schlafsack ebenfalls. In drei Wochen wollte ich trotzdem von der Nordküste Alaskas Richtung Süden radeln, danach auf Ski zum Denali laufen, während einer mehrwöchigen Expedition den höchsten Gipfel Nordamerikas besteigen, zurück zum Velo kommen, nach Kanada fahren und gleich zur nächsten Skiexpedition aufbrechen. Anschliessend sollte es weitergehen bis nach Patagonien – mit dem Velo, zu Fuss und mit dem Segelboot.

Der Plan umfasste zwei Jahre, 35 Länder, rund 40’000 Kilometer mit dem Velo und die höchsten Berge des amerikanischen Kontinents. Ich hatte lange daran gearbeitet. Vorbereitet fühlte ich mich trotzdem nicht.

Mit 18 war ich in sieben Monaten durch alle 44 Länder Europas geradelt. In jedem Land war ich in der Hauptstadt und auf dem höchsten Berg. Rückblickend war ich damals ziemlich naiv. Gemessen an der Grösse dieses neuen Projekts wirkte die Europatour inzwischen beinahe vernünftig.



Butter, Benzin und WC-Papier

Meine Sorgen waren in diesen Wochen überraschend konkret. Wie viel WC-Papier braucht ein Mensch für 40 Tage? Wo geht man bei minus 40 Grad und Schneesturm überhaupt aufs WC? Wie verhindert man, dass Zahnpasta, Sonnencrème und Olivenöl zu festen Blöcken gefrieren? Und wie viel Benzin braucht der Kocher, wenn jeder Liter Wasser zuerst einmal Schnee ist?

Ich rechnete Lebensmittel nach Kalorien, Gewicht und Preis durch. Hundert Gramm Butter pro Tag schienen ernährungsphysiologisch sinnvoll und gleichzeitig vollkommen absurd. Noch absurder war der Preis der Expeditionsnahrung. Für unser Dreierteam kamen wir allein für die 40-tägige Denali-Expedition auf ungefähr 15’000 Franken.

Die Sponsorensuche hatte bereits Monate zuvor begonnen. Ich verschickte E-Mails, führte Calls, schrieb Konzepte, erstellte Budgets und erklärte immer wieder dieselbe Idee: von Alaska nach Patagonien, ohne motorisierten Transport zwischen den Etappen, mit dem Velo durch alle Länder und zu Fuss auf ihre höchsten Berge.

Viele fanden das Projekt spannend. Das bedeutete noch lange nicht, dass sie antworteten. Es gab Absagen, vage Zusagen und Firmen, die nach mehreren Gesprächen plötzlich verschwanden. Gleichzeitig gab es Partner, die tatsächlich einstiegen und ohne die dieses Projekt in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Am Ende entstand ein starkes Netzwerk, für das ich enorm dankbar bin.

Trotzdem stand ich kurz vor der Abreise und wartete weiterhin auf einen grossen Teil meiner Ausrüstung. Ich hatte nie jahrelang auf diesen Moment hinarbeiten wollen. Ich wollte möglichst schnell los. Nun bekam ich genau das: einen Start, für den ich kaum bereit war.



Die Vorbereitung frisst die Vorbereitung

Nach meinem Studienabschluss hatte ich mir vorgenommen, so richtig zu trainieren. Stattdessen sass ich vor Materialtabellen und Landkarten. Ich plante Routen, hielt Vorträge, verhandelte Kooperationen, organisierte Transporte, prüfte Einreisebestimmungen und versuchte herauszufinden, welche Medikamente man auf einen abgelegenen Gletscher mitnimmt.

Körperlich trainierte ich wenig, technisch noch weniger. Das war besonders absurd, weil einer der Gründe für dieses Projekt darin bestand, neue Dinge zu lernen. Ich wollte Spanisch lernen, mein Velo selbst reparieren können und am Berg deutlich besser werden. Doch bevor die Reise überhaupt begonnen hatte, frass ihre Organisation bereits die gesamte verfügbare Zeit.

Mitte März organisierte Ortovox zwei Tage Sicherheits- und Gletschertraining auf der Diavolezza. Wir übten Rettungstechniken und schliefen eine Nacht bei minus 15 Grad draussen, ohne Schlafsack, nur mit Expeditionsanzug und Biwaksack. Es war lehrreich, kam aber auch weniger als drei Wochen vor dem Abflug.



Was passiert, wenn etwas passiert?

Die schwierigsten Fragen hatten nichts mit Ausrüstung zu tun. Eine Ärztin stellte mit uns die Expeditionsapotheke zusammen. Wir gingen Medikamente, Dosierungen und mögliche Notfälle durch. Hinter jeder Entscheidung stand ein Szenario, das man sich lieber nicht zu genau vorstellt: Einer von uns ist schwer verletzt, irgendwo auf einem Gletscher. Das Wetter ist schlecht, eine Rettung nicht möglich, vielleicht über mehrere Tage.

Man denkt solche Situationen nicht gerne zu Ende. Man muss es trotzdem tun. Wenn wirklich etwas passiert, bleibt keine Zeit, erstmals darüber nachzudenken, welche Medikamente vorhanden sind, wer welche Entscheidung trifft und wie lange man ohne Hilfe auskommen kann.

Auch unser Team beschäftigte mich. Wir würden zu dritt am Denali unterwegs sein: Laëtitia aus Genf, Heli aus Freiburg und ich. Laëtitia brachte Energie und Humor ins Team. Heli war ruhiger und in den Bergen der Kompetenteste von uns. Ich sah viele Gründe, weshalb wir gut funktionieren könnten, aber ebenso Konfliktpotenzial.

Ein Expeditionsteam lernt sich nicht beim Kaffee kennen. Es lernt sich kennen, wenn alle müde sind, wenn etwas nicht funktioniert, wenn man seit Tagen im selben Zelt liegt, wenn einer schneller gehen will und der andere nicht mehr kann oder wenn Entscheidungen plötzlich Konsequenzen haben. Natürlich wollte ich auf den Gipfel. Mindestens ebenso sehr interessierte mich aber, was der Berg mit uns als Team machen würde. Was das auf sozialer und zwischenmenschlicher Ebene für eine Erfahrung werden würde.



Die Abschiede

Je näher die Abreise kam, desto weniger beschäftigte mich der Denali. Stattdessen dachte ich immer häufiger an zu Hause und an die Menschen, die ich für lange Zeit zurücklassen würde.

Es gab viele Abschiede von Menschen, die mir viel bedeuten. Wir sagten nicht Tschüss, sondern bis bald. Sie wünschten mir ehrlich, dass ich eine gute Zeit haben und all das erleben würde, wofür ich so lange gearbeitet hatte. Genau das machte die Abschiede schwer. Niemand wollte mich zurückhalten, obwohl wir alle wussten, dass zwei Jahre lang sind und sich in dieser Zeit vieles verändern kann.

In diesen Tagen tauchte deshalb immer wieder dieselbe Frage auf: Warum mache ich das eigentlich?

Ich hatte kein schlechtes Leben, aus dem ich ausbrechen musste. Im Gegenteil. Ich hatte ein wunderbares Umfeld, meine Familie, Freunde, Studium, Arbeit, Projekte und einen Alltag, den ich mochte. Ich musste nicht gehen. Trotzdem fühlte sich diese Reise richtig an.

Abenteuerlust ist eine Antwort. Neugier auch. Die Welt sehen, Grenzen verschieben, Neues lernen und das eigene Leben intensiv erleben – all das stimmt. Es erklärt aber nicht vollständig, warum man freiwillig Menschen zurücklässt, die man liebt, und Risiken eingeht, die nicht nötig wären. Es erklärt nicht, weshalb sich eine Entscheidung gleichzeitig falsch und vollkommen richtig anfühlen kann.

Ich konnte diese Frage damals nicht beantworten. Ich kann es bis heute nicht ganz.


Die letzte Woche

Die allerletzte Woche vor dem Abflug verbrachte ich in Österreich und Deutschland. Köln, Lenzing, Kirchdorf, Steyr und Linz, ein bis zwei Vorträge pro Tag. Auf der Bühne erzählte ich von meiner Reise durch Europa, von 44 Ländern, ihren Hauptstädten und höchsten Bergen. Es war vier Jahre her, damals war ich 18.

Ich sprach jeden Abend vor ein paar hundert Leuten weitgehend im Autopilot. Während ich von einer vergangenen Reise erzählte, war ich mit dem Kopf längst in Alaska. Am Freitagabend endete der letzte Vortrag in Linz. Am Samstagmorgen kam ich nach Hause. Danach blieben noch anderthalb Tage.

Es folgten letzte Mails, letzte Taschen und letzte Abschiede. Ich suchte Material, wog Gepäckstücke, packte Dinge wieder aus und kontrollierte, ob irgendein entscheidendes Teil fehlte.

Am Montag, dem 30. März 2026, sass ich schliesslich im Flugzeug. Acht Monate Planung lagen hinter mir, vor mir zwei Jahre, 35 Länder und ein Plan, dessen Ausgang vollkommen offen war.

Ich wusste nicht, ob er funktionieren würde. Ich wusste nicht, ob wir den Denali erreichen würden, wie lange ich tatsächlich unterwegs sein würde oder was sich zu Hause verändern würde. Ich wusste nur, dass die Vorbereitung vorbei war.

Und dass es jetzt endlich losgeht. 




 
 
 

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